Saisonrückblick 2021/2022

Foto: Nordic Focus
Ein für mich sehr erfolgreicher Winter geht zu Ende. Schon in der Vorbereitung war zu spüren, dass es in der Olympiasaison um sehr viel geht und auch für mich war der Traum mit einer Teilnahme in Peking zum Greifen nahe.

Vorbereitung

Mit meinem Viermal-Null-Schiessen – das erste Mal überhaupt in meiner Karriere – beim Saisonauftakt an den Schwedischen Meisterschaften ist mir bereits im ersten Rennen ein Exploit gelungen und brachte mir in einem starken Teilnehmerfeld den 3. Rang ein. Hätte ich diese Leistung zwei Wochen später im Weltcup abgerufen, wäre eine Olympiaqualifikation schon sehr früh möglich gewesen. Dies gab mir die Zuversicht, dass ich es wirklich auch schaffen kann.

Missglückter Weltcupauftakt

Nach Idre Fjäll ging im ersten Weltcup in Östersund erstmal gar nichts bei mir. Ich verkrampfte mich wohl etwas zu stark oder wollte zu viel. Enttäuschung, Frustration und Ratlosigkeit machte sich breit, weil es weder in der Loipe noch am Schiessstand so richtig funktionieren wollte. Ich musste dann erstmal wieder «runter» in den zweitklassigen IBU-Cup, um mir Selbstvertrauen zu holen. Mit dem 10. Platz im Sprint und als Schlussläufer der viertplatzierten Mixed Staffel konnte ich mit einem guten Gefühl in die Weihnachtspause. Dort erhielt ich spontan die Einladung, mit Lena Häcki bei einem Showwettkampf mitzumachen. «Biathlon auf Schalke» wurde coronabedingt nach Ruhpolding verschoben. Trotz strömendem Regen machte mir das Rennformat eine Menge Spass. Ähnlich wie bei den Single Mixed Staffeln kam es auf das schnelle und präzise Schiessen an. Nach einer soliden Qualifikation machten wir im zweiten Rennen, der Verfolgung nochmals zwei Plätze gut und wurden schlussendlich überraschende 5.

Für mich war dieser Wettkampf ein Schlüsselerlebnis und im Nachhinein der Wendepunkt dieses Winters. Inmitten der internationalen Top Cracks wurde mir das erste Mal bewusst, dass der Leistungsunterschied gar nicht mehr so gross ist. Dank schnellen Schiesszeiten und sicheren Treffern musste ich mich auch in der Gesamtzeit nicht mehr verstecken. Dies gab mir für die anstehenden Weltcups im Januar eine gewisse Selbstsicherheit.

Der Weg zur Olympiaqualifikation

Obwohl ich wusste, dass ich läuferisch wieder besser in Form gekommen bin, blieben natürlich immer weniger Rennen, um sich für Olympia zu qualifizieren. In Oberhof war ich trotz 2 Fehlern und dem 29. Platz noch knapp neben der halben Quali vorbeigeschrammt und ärgerte mich über die verpasste Chance.

Eine Woche später war die nächste Chance in Ruhpolding. Schon Tage vor diesem Sprint waren die Nervosität und mein eigener Druck viel höher als sonst. Dass ich unter diesen Umständen im Wettkampf und vor allem am Schiessstand kühlen Kopf bewahren konnte, macht mich sehr stolz. Nach einem guten Start ins Rennen und zwei soliden Schiesseinlagen hatte ich das Glück gleichzeitig mit dem späteren Zweitplatzierten Benedikt Doll auf die Schlussrunde zu gehen. Die Devise für mich war von Beginn an klar: Einfach möglichst lange dranbleiben und sein Tempo mitzugehen. Bis zur letzten Zwischenzeit 1,3km vor dem Ziel hat das auch gut geklappt bis der «Mann mit dem Hammer» kam. Auf Position 5 liegend bin ich dann komplett blau gelaufen. Meine Beine, Arme und die Lunge haben gebrannt wie Feuer und ich musste schlussendlich schauen, mich irgendwie noch ins Ziel zu retten. Ich erreichte das erste Mal die Top 10 im Weltcup was auch automatisch die volle Qualifikation für die olympischen Spiele in Peking bedeuteten! Ich war überglücklich, aber wirklich ganz realisiert habe ich es erst ein paar Tage später.

Nach der Verfolgung, die ich auch noch in den Top 30 beendete, reisten wir nach Antholz zur letzten Weltcupstation vor Olympia. Dort wurde ich wieder als Schlussläufer in der Staffel eingesetzt. Uns jungen 3 gelang dabei ein super Rennen mit je nur einem Nachlader. Leider lief es Martin nicht so gut und trotzdem erreichten wir den guten 7. Schlussrang. Es zeigte uns auf, dass auch mit dem Team vieles möglich sein kann, wenn alles passt.

Olympische Spiele

Nach dem Trimester Oberhof, Ruhpolding, Antholz blieb uns eine Woche Vorbereitung zu Hause, bis es nach China ging. In dieser Woche habe ich mich in meiner Wohnung am Stützpunkt in Lenz isoliert und nur noch meine Teamkollegen draussen im Training gesehen. Ich wollte alles daransetzen, nach der erreichten Olympiaqualifikation nicht noch wegen Corona ausgebremst zu werden.

Es war für mich alles noch ein wenig surreal, als ich am 31. Januar mit zahlreichen weiteren Schweizer Sportlern in Zürich ins Flugzeug stieg. Kurz vor der Landung konnte man dank traumhafter Weitsicht die beschneiten Skipisten als weisse Bänder in der Pampa erkennen und auch Peking empfing uns mit der imposanten Skyline, von Smog war keine Spur zu sehen. Kaum ein Schritt aus dem Flugzeug, wurde bereits der erste PCR-Test gemacht. Die Einreise mit Waffe und Munition erfolgte ohne grössere Probleme. Nachdem alles genaustens kontrolliert war (jeder importierte Schuss wurde gezählt und notiert) ging es mit Polizei-Eskorte auf der gesperrten Autobahn auf die 5-stündige Busfahrt nach Zhangjiakou. Kein Einheimischer und kein einziges Auto habe ich dabei in der Grossstadt entdecken können. Spätabends im Olympic Village angekommen, empfing mich erstmal eine klirrende Kälte und ein eisiger Wind. Ich habe stets gewusst, dass die Bedingungen bei Olympia eine grosse Herausforderung werden, aber so kalt habe ich es mir wirklich nicht vorstellen können. An der frischen Luft bildeten sich innert Sekunden an den Wimpern leichte Eiskristalle, was die Augen bei jedem Blinzeln kurz zukleben liessen.

Im Olympic Village inmitten der vielen modernen Häuser fühlte man sich wie in einem Bergdorf und der olympische Spirit war überall spürbar. Die Flaggen der verschiedenen Häuser zierten die Hauswände und es war deshalb unschwer zu erkennen, welche Nation wo wohnte. Im Village gab es diverse Shops, eine Post und eine Bank und sogar einen Coiffeur. Erstaunlich, wie gut die gewünschte Frisur anhand von Zeichensprache geschnitten werden kann.

Da wir uns aufgrund der späten Wettkämpfe nie komplett an die chinesische Zeit anpassten, gingen wir stets nach Mitternacht ins Bett und standen dementsprechend auch nicht vor 10.00 Uhr auf. Als Morgenritual stand statt Footing oder Yoga erstmal der PCR-Test auf dem Programm, der direkt vor der grossen Essenshalle gemacht werden konnte. Die zahlreichen Voluntari – die wegen der Schutzkleidung inkl. Taucherbrille wie Marsmenschen aussahen – begrüssten uns stets mit freundlichem Winken und einem breiten Grinsen, was trotz der Maske unschwer zu erkennen war. Nach dem genau überwachten Händedesinfizieren und dem Fassen von Plastikhandschuhen konnte man sich am mehr als 100 Meter langen Buffet austoben, welches über Asia Food, Vegan Buffet, World Cuisine bis hin zum KFC-Burgerstand praktisch alles zu bieten hatte. Essen konnte dabei jeder in seinem eigenen Abteil aus Plexiglaswänden, was zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig war. Kommunikation war gegenübersitzend wegen den Scheiben praktisch unmöglich, weshalb man sich teamintern immer nebeneinandersetzte.

Das Stadion war 5 Schweizer Autominuten oder 20 chinesische Busminuten vom Olympic Village entfernt. Die topmoderne Anlage, welche auf etwa 1700 m. ü. M. liegt, hatte eine schöne Loipentopografie und gefiel mir sehr gut. Die Strecke glich einer BMX-Piste mit vielen Aufstiegen, Abfahrten und Kurven, einzig der starke Wind und die langsamen Verhältnisse erschwerten die Bedingungen. Eine grosse Herausforderung war dabei auch die Höhenlage, bei der man sich das Rennen speziell gut einteilen muss, da man einfach weniger Sauerstoff zur Verfügung hat.

Dass es Olympia ist, erkannte man auch an der grossen medialen Aufmerksamkeit. Bereits am zweiten Tag nach Ankunft stand ein Besuch im SRF-Studio an.

Obwohl die Region rund um Zhangjiakou zur trockensten von ganz China gehört, schneite es trotz -15°C tatsächlich ab und zu ein kleines bisschen. Das Knirschen, das bei jedem Schritt auf dem Neuschnee zu hören war, habe ich so noch nie gehört. Beim Schneeräumen der Voluntari war dabei unschwer zu erkennen, dass sie zum Teil nicht so richtig wussten, wie dieses weisse Zeug am besten entfernt werden kann.

Schwierige Bedingungen bei den Wettkämpfen

Bei meinem ersten Wettkampf, dem 20km Einzellauf, war es mit -8°C noch relativ warm. Mit zwei Fehlern auf 20 Schüsse gelang mir ein guter Wettkampf und ich landete schlussendlich auf dem 22. Platz von über 90 Startenden. Mit dem zweitbesten Karriereresultat bei meiner Olympiapremiere war ich sehr zufrieden. Leider verlief meine Leistungskurve aber proportional zu den sinkenden Temperaturen. Im Sprint erreichte ich mit 2 Fehler aus 10 Schüssen immerhin noch den 45. Platz und damit qualifizierte ich mich für Verfolgungswettkampf. Dieser startete aber denkbar schlecht. Es war so bitterkalt, dass mir das Atmen schwerfiel und die eingefrorenen Finger halfen auch nicht gerade für das Feingefühl am Abzug. Ich tat mich schwer mit den langsamen Verhältnissen und zudem hatte ich mit den bissigen Windböen auch noch grosses Pech am Schiessstand. Es spülte mich in der Folge immer mehr ans Ende des Feldes und auf der zweitletzten Runde musste ich wegen dem zu grossen Rückstand leider aus dem Rennen genommen werden. Mehr als eine bittere Enttäuschung und unschöne Erfahrung blieb mir von diesem Rennen nicht. In der Staffel, die wegen den eisigen Temperaturen sogar vorverschoben werden musste, lief es mir nur bedingt besser. Wieder mit grossen Schwierigkeiten am Schiessstand und in der Loipe wurden wir mit dem Schweizer Team schlussendlich 12.

Nach den Wettkämpfen blieb mir noch ein wenig Zeit, um beim Langlauf Teamsprint mitzufiebern oder die Medallienzeremonie von Mathilde Gremaud zu feiern. Insgesamt kann ich auf eine sehr lehrreiche Zeit bei Olympia zurückblicken und durfte viele schöne Erfahrungen sammeln. Diese sind für mich eine riesige Motivation für die nächsten vier Jahre hartes Training, um bei Olympia 2026 in Mailand/Cortina noch besser abzuschneiden.

Das letzte Trimester

Zurück in der Schweiz blieb mir knapp eine Woche, um mich von diesem Highlight körperlich und mental etwas zu erholen. Das letzte (nordische) Trimester mit Finnland, Estland und Norwegen stand an. In Kontiolahti machten wir in der Staffel dort weiter, wo wir vor Peking aufgehört hatten. Mit einem super Teamresultat schafften wir den Sprung in die Top 6, was dem Schweizer Herren Team sehr lange nicht mehr gelungen war. Im Sprint schoss ich leider gerade einen Fehler zu viel für die Punkte, klassierte mich an 46. Position aber trotzdem noch für den Verfolger. Und dieser sollte zu meiner grossen Aufholjagd werden. Runde um Runde schaffte ich es immer besser ins Rennen, konnte ruhig und sicher am Schiessstand agieren und war mit einer angenehmen Lockerheit unterwegs. Nach dem dritten fehlerfreien Schiessen kam bei mir ein kleines Déjà-vu von Anfang Saison in den Sinn. Es fühlte sich so gut an und ich war absolut im Flow, dass ich auch beim letzten Schiessen die Ruhe selbst bleiben konnte und Treffer 16 bis 20 sicher landen konnte. Ich machte nochmals einen ordentlichen Sprung nach vorne im Klassement und beendete den Wettkampf schlussendlich auf dem 25. Rang. Ein weiteres 4x 0 Schiessen, 21 Plätze hochgeklettert und die 10. schnellste Tageszeit machten mich überglücklich.

In Otepää und Oslo war die Luft bei mir dann etwas draussen. Entweder fühlte ich mich auf den Ski nicht mehr besonders gut, oder ich schoss zu viele Fehler. Einzig in der Single Mixed Staffel in Otepää, ein Format das mir wirklich zu liegen scheint, gelang mir eine Reaktion mit der sechstschnellsten Zeit. Aber auch im Verfolger von Oslo war ich bis in die Punkteränge vorgeprescht, habe es aber beim letzten Schiessen mit 3 Fehlern noch ärgerlich vergeben. Nach dem Massenstart, dem letzten Weltcuprennen der Saison, empfingen wir noch Benji im Ziel und feierten seine grossartige Karriere.

Saisonende

Zu Hause im Sparenmoos fanden die diesjährigen Langlauf Schweizermeisterschaften statt. Es war mir eine Freude, dass es dieses Jahr in meinen Kalender gepasst hat und ich auf meiner Heim Loipe die Wettkämpfe für den SC Zweisimmen bestreiten durfte. Für mich war es auch eine Premiere, das erste Mal einen 50km Wettkampf zu bestreiten und ich freute mich darauf, in der Staffel wieder einmal klassisch zu laufen. Beide Rennen waren zwar sehr anstrengend aber es war mir eine Ehre, vor heimischem Publikum laufen zu dürfen.

Das Schlussbouqet meiner Saison folgte dann am ersten Wochenende im April anlässlich der Biathlon Schweizermeisterschaften in Realp. Beim Massenstart am Samstag lief es mir nicht wie gewünscht und ich musste wirklich nochmals alle Körner zusammenkratzen, um für den Sprint am Sonntag nochmals Gas zu geben. Umso schöner dann, dass es beim allerletzten Rennen einer langen und intensiven Saison mit fehlerfreiem Schiessen noch zur Bronzemedaille gereicht hat. Es war ein wunderbarer Abschluss von einem sehr erfolgreichen Winter, nach welchem ich sogar mit dem Aufstieg ins A-Kader belohnt wurde.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei all meinen Sponsoren, Gönnern und Fans bedanken, die mich in irgendeiner Form unterstützen. Ohne euch wäre vieles nicht möglich gewesen!

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