Anreise
Es war für mich alles noch ein wenig surreal, als ich am 31. Januar mit zahlreichen weiteren Schweizer Sportlern in Zürich ins Flugzeug stieg. Kurz vor der Landung konnte man dank traumhafter Weitsicht die beschneiten Skipisten als weisse Bänder in der Pampa erkennen und auch Peking empfing uns mit der imposanten Skyline, von Smog war keine Spur zu sehen. Kaum ein Schritt aus dem Flugzeug, wurde bereits der erste PCR-Test gemacht. Die Einreise mit Waffe und Munition erfolgte ohne grössere Probleme. Nachdem alles genaustens kontrolliert war (jeder importierte Schuss wurde gezählt und notiert) ging es mit Polizei-Eskorte auf der gesperrten Autobahn auf die 5-stündige Busfahrt nach Zhangjiakou. Kein Einheimischer und kein einziges Auto habe ich dabei in der Grossstadt entdecken können. Spätabends im Olympic Village angekommen, empfing mich erstmal eine klirrende Kälte und ein eisiger Wind. Ich habe stets gewusst, dass die Bedingungen bei Olympia eine grosse Herausforderung werden, aber so kalt habe ich es mir wirklich nicht vorstellen können. An der frischen Luft bildeten sich innert Sekunden an den Wimpern leichte Eiskristalle, was die Augen bei jedem Blinzeln kurz zukleben liessen.
Olympic Village
Im Olympic Village inmitten der vielen modernen Häuser fühlte man sich wie in einem Bergdorf und der olympische Spirit war überall spürbar. Die Flaggen der verschiedenen Häuser zierten die Hauswände und es war deshalb unschwer zu erkennen, welche Nation wo wohnte. Im Village gab es diverse Shops, eine Post und eine Bank und sogar einen Coiffeur. Erstaunlich, wie gut die gewünschte Frisur anhand von Zeichensprache geschnitten werden kann.
Da wir uns aufgrund der späten Wettkämpfe nie komplett an die chinesische Zeit anpassten, gingen wir stets nach Mitternacht ins Bett und standen dementsprechend auch nicht vor 10.00 Uhr auf. Als Morgenritual stand statt Footing oder Yoga erstmal der PCR-Test auf dem Programm, der direkt vor der grossen Essenshalle gemacht werden konnte. Die zahlreichen Voluntari – die wegen der Schutzkleidung inkl. Taucherbrille wie Marsmenschen aussahen – begrüssten uns stets mit freundlichem Winken und einem breiten Grinsen, was trotz der Maske unschwer zu erkennen war. Nach dem genau überwachten Händedesinfizieren und dem Fassen von Plastikhandschuhen konnte man sich am mehr als 100 Meter langen Buffet austoben, welches über Asia Food, Vegan Buffet, World Cuisine bis hin zum KFC-Burgerstand praktisch alles zu bieten hatte. Essen konnte dabei jeder in seinem eigenen Abteil aus Plexiglaswänden, was zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig war. Kommunikation war gegenübersitzend wegen den Scheiben praktisch unmöglich, weshalb man sich teamintern immer nebeneinander setzte.
Das Stadion war 5 Schweizer Autominuten oder 20 chinesische Busminuten vom Olympic Village entfernt. Die topmoderne Anlage, welche auf etwa 1700 m. ü. M. liegt, hatte eine schöne Loipentopografie und gefiel mir sehr gut. Die Strecke glich einer BMX-Piste mit vielen Aufstiegen, Abfahrten und Kurven, einzig der starke Wind und die langsamen Verhältnisse erschwerten die Bedingungen. Eine grosse Herausforderung war dabei auch die Höhenlage, bei der man sich das Rennen speziell gut einteilen muss, da man einfach weniger Sauerstoff zur Verfügung hat.
Dass es Olympia ist, erkannte man auch an der grossen medialen Aufmerksamkeit. Bereits am zweiten Tag nach Ankunft stand ein Besuch im SRF-Studio an. Es hat mich sehr gefreut, dass mit Lukas Kurth als Medienverantwortlicher im Bereich Nordisch ein altbekanntes Gesicht aus der Langlauf JO dabei war. Der SC Zweisimmen war also gut vertreten.
Obwohl die Region rund um Zhangjiakou zur trockensten von ganz China gehört, schneite es trotz -15°C tatsächlich ab und zu ein kleines bisschen. Das Knirschen, das bei jedem Schritt auf dem Neuschnee zu hören war, habe ich so noch nie gehört. Beim Schneeräumen der Voluntari war dabei unschwer zu erkennen, dass sie zum Teil nicht so richtig wussten, wie dieses weisse Zeug am besten entfernt werden kann. Peter Allemann hätte bei diesem Anblick nur geschmunzelt.
Schwierige Bedingungen bei den Wettkämpfen
Bei meinem ersten Wettkampf, dem 20km Einzellauf, war es mit -8°C noch relativ warm. Mit zwei Fehler auf 20 Schüsse gelang mir ein guter Wettkampf und ich landete schlussendlich auf dem 22. Platz von über 90 Startenden. Mit dem zweitbesten Karriereresultat bei meiner Olympiapremiere war ich sehr zufrieden. Leider verlief meine Leistungskurve aber proportional zu den sinkenden Temperaturen. Im Sprint erreichte ich mit 2 Fehler aus 10 Schüssen immerhin noch den 45. Platz und damit qualifizierte ich mich für Verfolgungswettkampf. Dieser startete aber denkbar schlecht. Es war so bitterkalt, dass mir das Atmen schwerfiel und die eingefrorenen Finger halfen auch nicht gerade für das Feingefühl am Abzug. Ich tat mich schwer mit den langsamen Verhältnissen und zudem hatte ich mit den bissigen Windböen auch noch grosses Pech am Schiessstand. Es spülte mich in der Folge immer mehr ans Ende des Feldes und auf der zweitletzten Runde musste ich wegen dem zu grossen Rückstand leider aus dem Rennen genommen werden. Mehr als eine bittere Enttäuschung und unschöne Erfahrung blieb mir von diesem Rennen nicht. In der Staffel, die wegen den eisigen Temperaturen sogar vorverschoben werden musste, lief es mir nur bedingt besser. Wieder mit grossen Schwierigkeiten am Schiessstand und in der Loipe wurden wir mit dem Schweizer Team schlussendlich 12.
Nach den Wettkämpfen blieb mir noch ein wenig Zeit, um beim Langlauf Teamsprint mitzufiebern oder die Medallienzeremonie von Mathilde Gremaud zu feiern. Insgesamt kann ich auf eine sehr lehrreiche Zeit bei Olympia zurückblicken und durfte viele schöne Erfahrungen sammeln. Diese sind für mich eine riesige Motivation für die nächsten vier Jahre hartes Training, um bei Olympia 2026 in Mailand/Cortina noch besser abzuschneiden.


